Die Gewerblichen Schulen Waldshut -
ein geschichtlicher Rückblick

von Dr. Rudolf Steiner


Die Gewerblichen Schulen Waldshut wurden im Jahre 1837 gegründet und gehören damit zu den ältesten Gewerbeschulen im ehemaligen Großherzogtum Baden. Ihre Gründung geht zurück in eine geschichtliche Phase, in der sich der noch junge Staat der Aufgabe stellte, die ihm unter napoleonischer Herrschaft zugefallenen Gebiete zu einer Einheit zusammen zu führen und die finanzielle und wirtschaftliche Kraft des Landes zu fördern.

Die Verhältnisse am Hochrhein und im südlichen Schwarzwald gestalteten sich dabei schwierig. Mit dem Beitritt des Großherzogtums zum Deutschen Zollverein 1836 musste der plötzliche Abbruch der traditionell guten Handelsverbindungen dieser Region zu den linksrheinischen Gebieten befürchtet werden, da die Vereinsstaaten untereinander zwar die Zölle senkten oder gar aufhoben, gegenüber außenstehenden Staaten jedoch erhöhten. Tatsächlich stellte man sich aber gerade auf schweizerischer Seite auf die neue Situation ein, indem auf badischer Seite Filialbetriebe gegründet wurden, die ungehindert ins gesamte Zollvereinsgebiet Handel treiben konnten. Das badische Grenzland am Hochrhein entwickelte sich fortan zu einer aufstrebenden Wirtschaftsregion, in der die Textilindustrie eine besonders prägende Rolle spielte. Gleichsam nahmen aber auch die Anforderungen an die Arbeitskräfte zu.

Der Gedanke einer gezielten beruflichen Bildung von staatlicher Seite lag nahe, zumal diese Aufgabe durch das örtliche Handwerk allein nur schwerlich geleistet werden konnte. Grundlegend für die Errichtung von Gewerbeschulen in Baden im Allgemeinen und für die Gründung einer Gewerbeschule in Waldshut im Besonderen war eine im Jahr 1834 von der Großherzoglichen Regierung erlassene Verordnung über die Errichtung von Gewerbeschulen im ganzen Land.

Der Wunsch, in Waldshut eine Gewerbeschule zu errichten, war allerdings schon weit früher von dem an der städtischen Knabenschule tätigen Lehrer Franz Xaver Holzapfel in das öffentliche Bewusstsein gerückt worden. Eigene und fremde private Kapital- und Sachstiftungen machten die Gründung schließlich möglich.

„Alte Metzig“ („Metzgertörle“) – erster Standort
der Gewerbeschule

Als der eigentliche Gründungstag der Gewerbeschule Waldshut kann der 16. Januar 1837 gesehen werden, da an diesem Tag der erste Unterricht stattfand. Als Schulgebäude diente damals das Haus „Alte Metzig“ (Metzgertörle) in der Kaiserstraße, da die eigentlich vorgesehenen Unterrichtsräume im 1575 erbauten alten Kornhaus bzw. Zunfthaus erst noch hergerichtet werden mussten. Beschult wurden im ersten Schuljahr 1837/38 gerade einmal 29 Schüler. Unterrichtszeit war täglich frühmorgens zwischen 5 und 8 Uhr. Werktags musste anschließend gearbeitet werden.

Erhard Joseph Brenzinger - einer der ersten
Lehrer der Gewerbeschule

Einer der ersten Lehrer der Gewerbeschule Waldshut war der aus Tiengen stammende Erhard Joseph Brenzinger, der vor seiner Lehrertätigkeit die aufkeimenden demokratischen Bestrebungen der Vormärzzeit aktiv miterlebte. Seine politischen Erlebnisse hatte der gelernte Historienmaler in seiner Radierung „Der Zug zum Hambacher Schloss“, die heute in nahezu jedem Geschichtslehrbuch zu finden ist, verewigt. Brenzinger war von 1840 bis 1843 als Kunstlehrer an der Waldshuter Gewerbeschule tätig. Der geringen Anzahl von Lehrkräften entsprechend hatte er in jener Zeit offenbar auch das Amt des Schulleiters inne.

Der fortschreitende Strukturwandel hinterließ in der Hochrheinregion erkennbare Spuren. Mit der Nutzbarmachung der Wasserkräfte des Rheins und seiner Nebenflüsse um 1900 entstanden nach und nach chemische und metallverarbeitende Betriebe. Den neuen beruflichen Anforderungen entsprechend veränderten sich auch die an der Gewerbeschule vermittelten Inhalte und technischen Hilfsmittel. Die wachsende Schülerzahl verlangte außerdem nach neuen und größeren Räumlichkeiten.

1867 bezog die Schule das Kiliansche bzw. Schultheßsche Haus beim oberen Tor. Ab 1908 fand der Unterricht im 3. Stock der heutigen Hansjakobschule statt und ab 1922 im Bürogebäude der ehemaligen Maschinenfabrik Dietsche in der Eisenbahnstraße 13. Ein Jahr zuvor war die seit 1893 bestehende und mit der Gewerbeschule organisatorisch verbundene Handelsschule eigenständig geworden.

Von 1915 bis 1919 kam es des öfteren zu Unterrichtsausfällen, da die Räumlichkeiten der Schule als Quartier für Militärtransporte zweckentfremdet wurden. In der Zeit von 1919 bis 1922 fanden in den Schulräumen auch Sitzungen des Waldshuter Bürgerausschusses statt.

Während des Dritten Reiches war die Schule wie alle anderen öffentlichen Bereiche im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie gleichgeschaltet worden. Technisches Können der Schüler war wohl eher – wenn überhaupt – Nebensache. Auf Initiative der Schulleitung wurde zudem die Umbenennung in „Dr. Karl-Winter-Gewerbeschule“ vorgenommen. Ob und inwiefern die Gewerbeschule Waldshut unter der gewählten Bezeichnung tatsächlich in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten ist, bleibt bisweilen unklar.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Schule ihrer ursprünglichen Bestimmung als einer technisch orientierten Bildungseinrichtung wieder gerecht.

Seit Januar 1955 befindet sich die Gewerbeschule an ihrem heutigen Standort in der Friedrichstraße 22. Der aus heutiger Sicht eher bescheidenen Schülerzahl von 504 Personen entsprechend bestand das Gebäude lediglich aus einem Trakt. Doch mit dem Hinzutreten ständig neuer Schularten, etwa dem Technischen Gymnasium ab Mitte der siebziger Jahre, wurde die Beengtheit der Räume immer offensichtlicher. Hinzu kam die Auflösung der kleineren Gewerbeschulen des früheren Landkreises Waldshut in Jestetten, Stühlingen, Tiengen und Birkendorf zugunsten des Waldshuter Standorts. In drei Bauabschnitten von 1973 bis 1977 fand deshalb der wohl umfangreichste Aus- und Umbau an unserer Schule statt.

Gegenwärtig werden dringend notwendige Renovierungsarbeiten am bestehenden Gebäudekomplex durchgeführt. Hinsichtlich farblicher Gestaltung, Helligkeit und Ausstattung wirkt die Schule heute bedeutend moderner. Sie entspricht unserer Vorstellung von einer modernen Schule und eröffnet neue Möglichkeiten für zeitgemäßen Unterricht.